

Im Projekt LANDKULTUREN: Teilhabe - Zukunft (LaKuTeZu) werden die vielfältigen Strukturen, Gelingensbedingungen und Wirkungen von Akteursnetzwerken der zeitgenössischen Kunst- und Kulturproduktion in peripheren ländlichen Räumen erforscht. Die Arbeitshypothese dieser Studie ist, dass kreative, künstlerische und kulturelle Akteure unter bestimmten Bedingungen progressive Agent*innen für gesellschaftliche Teilhabe und Transformation sein können, da sie über ausgeprägte Kompetenzen verfügen, die Potenziale ihrer Umgebung zu mobilisieren und somit regionalen Herausforderungen innovativ zu begegnen. Aus diesem Grund haben kulturelle Netzwerke eine besondere Bedeutung für die ländliche Entwicklung. Die Relevanz dieser oft hybriden Akteurscluster für eine zukunftsgerechte Raumproduktion wurde bisher jedoch nicht ausreichend beleuchtet.
Das Leitziel des Projekts ist die Schließung dieser Lücke durch die kollaborative Erarbeitung und Erprobung von erfolgversprechenden Pfaden zur Integration diverser kultureller Praktiken in die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. Konkret werden entlang des Forschungsprozesses aus sechs Arbeitsmodulen im transdisziplinären Dialog mit Kulturproduzent*innen Ansätze und Modelle zur Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe für die zukunftsfähiger Mitgestaltung von ländlichen Räumen geschaffen.

Begehung bei landkunstleben e.V in Steinhöfe
Drei Teilziele strukturieren diese Forschungsarbeit:
Zur Erreichung der Ziele wird in LaKuTeZu ein radikal partizipatives Forschungsdesign angewendet, welches die regionalen Akteure über vielfältige Formate besonders in den Fokus nimmt. Den Kern der Methodologie bilden kollaborative Workshops, bei denen die diversen Strukturen und Wirkungsweisen, besonders in Hinblick auf ihre intersektoralen und interkommunalen Verästelungen beschrieben werden. Über die inter- und transdisziplinäre Reflexion der Akteurslandschaft werden skizzenhafte Konzepte für Erfolgsmodelle zur nachhaltigen Ermöglichung der zeitgenössischen Kulturproduktion in peripheren ländlichen Gebieten abgeleitet, die im erweiterten Untersuchungsraum ausdifferenziert, zur Diskussion gestellt und detailliert werden. Final findet die Rückbindung der Erkenntnisse in die kommunale (Verwaltungs-)Praxis des Landkreis Oder-Spree statt.

Baustelle für die neue Kulturscheune von landkunstleben
Ausgangspunkt der empirischen Untersuchung sind 2 zentrale Fallstudien im Landkreis Oder-Spree:
Fallstudie 1: Campus Kultur
Drei Jahre lang will sich das Kultur-, Bildungs- und Ausstellungszentrum Burg Beeskow im Rahmen des Projektes „Campus Kultur“ weiter in den ländlichen Raum hinein öffnen. Geplant ist – angelehnt an die Themen des museums oder-spree –, zweimal jährlich an wechselnden Orten einen temporären Campus einzurichten, auf dem sich Künstler*innen und Kulturakteure mit diesen Themen ebenso auseinandersetzen wie mit aktuellen Fragestellungen, denen sie dort begegnen. Begleitung und Unterstützung erhalten sie dabei von ortsansässigen Vereinen und Initiativen. Kleinere und größere Veranstaltungen, die aus dem Campus heraus entwickelt werden, sollen außerdem dazu beitragen, ihn im jeweiligen Dorf zu verankern.
Fallstudie 2: DoK15518
DoK steht für Dorf-Kunst und 15518 ist die Postleitzahl dieser Region. DoK15518 ist die Entstehung eines soziokulturell nachhaltigen Kulturknotenpunkts im ländlichen Raum durch die Verknüpfung dreier Kollaborationspartner*innen.
Beide Projekte sind Teil des Brandenburgischen Förderprogramms Regionale Kulturelle Ankerpunkte im ländlichen Raum. Die regionalen kulturellen Ankerpunkte sollen aus den Regionen heraus entwickelt und von dort getragen werden. Ankerpunkte sollen über das klassische Verständnis von Kultureinrichtungen hinausgehen und insbesondere ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Akteure in die Angebote einbinden. Landesweit werden acht sehr unterschiedliche Projekte über drei Jahre finanziell unterstützt, und somit die Relevanz von Kultur für die ländliche Entwicklung unterstrichen.
Bearbeitet wir das das Forschungsprojekt vom Fachgebiet Stadtplanung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – Senftenberg. Die Forschung des Fachgebiet Stadtplanung wendet interdisziplinäre Ansätze an und arbeitet gerne mit außeruniversitären Partnern, um entscheidende Fragen von sozial-räumlichen Transformationsprozessen zu verstehen und darauf zu reagieren. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen von Akteuren und Netzwerken wollen wir die Aufmerksamkeit auf alternative Wissenssysteme lenken, die dominante Planungsdiskurse und wissenschaftliche Ansichten in Frage stellen, und gleichzeitig ein tieferes Verständnis der Prozesse der Selbstorganisation und Zusammenarbeit fördern, die unsere Welt ebenfalls ausmachen. Wir betrachten Planung als politisch und unterstützen Forschungsagenden, die dekolonial, feministisch und transformativ sind.
Für die erfolgreiche Durchführung einer multiperspektivischen Untersuchung wurde ein inter- und transdisziplinäres Netzwerk gegründet. Es besteht aus den Co-Forschenden Büro für Landschaftskommunikation, Netzwerk Neue Auftraggeber und studio amore. Mit ihren unterschiedlichen Expertisen an der Schrittstelle von Raum- und Kulturwissenschaften unterstützen sie das Team des Fachgebiet Stadtplanung entlang der sechs Arbeitsmodule.

Begehung bei landkunstleben e.V in Steinhöfe
Hinzu kommen die regionalen Projektpartner*innen Kultur und Sportamt LOS Burg Beeskow, LEADER Aktionsgruppen Märkische Seen und Oderland, mit ausgeprägten Fachkenntnissen zu Prozessen der regionalen Praxis der kommunalen Verwaltung und der nachhaltigen Projektentwicklung.
Halbjährlich treffen sich die Forschenden zur kritischen Reflexion der (Zwischen-)Erkenntnisse mit dem wissenschaftlichen Projektbeirat: Ariane Sept, Ludger Gailing, Christine Wingert. Die Critical Friends erweitern den analytischen Horizont der Untersuchung und helfen dem Projektteam dabei die Komplexität der Prozesse zeitgenössischer Kulturproduktion in peripheren ländlichen Räumen aus möglichst vielen Blickwinkeln zu analysieren.
Neben dem Landkreis Oder-Spree nimmt LaKuTeZu auch Akteursnetzwerke in anderen ländlichen Transformationsräumen im Osten Deutschlands in den Blick, wodurch die Untersuchungsergebnisse von allgemeiner Relevanz für eine Vielzahl von Akteuren ist. Bei der Vermittlung und Auswahl signifikanter Fallstudien wird das Forschungsteam durch überregional vernetzte Multiplikator*innen beraten: Netzwerk Zukunftsorte, Zukunftswerkstatt Schwarzatal.
LaKuTeZu zeigt, dass die Entwicklung von Netzwerken mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteursgruppen eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen kultureller Arbeit in ländlichen Räumen ist. Die Erkenntnisse der Studie basieren auf der Analyse von zwei kontrastierenden Fallstudien in Ostbrandenburg, die beide über eine mehrjährige Förderung als Kulturelle Ankerpunkte des Landes Brandenburg ihre Angebote ausbauen:
Als DoK 15518 entwickeln drei Kulturinitiativen der freien Szene eine enge und räumlich konzentrierte Zusammenarbeit, in der unterschiedliche Ressourcen von Raum und Equipment bis Erfahrung und Wissen geteilt werden. LandKunstLeben e.V. (LKL) ist ein seit mehr als 25 Jahren in Steinhöfel ansässiger Kulturverein, der lange u.a. ein größeres künstlerisches Gartenprojekt betrieben hat. Das Haus des Wandels e.V. (HDW) und Zusammen in Neuendorf im S.A.N.D.E. e.V. (ZuSaNe) sind selbstorganisierte Hausprojekte der jüngeren Generation, die seit 2018/19 leerstehende größere Gebäudekomplexe als Wohn-, Arbeits- und Begegnungsorte wiederbeleben. Gemeinsam entwickeln sie als DoK 15518 an allen drei Orten kulturelle Formate, wie Ausstellungen, Künstler*innenresidenzen, Performances und Feste.
Bei Campus Kultur stand die Absicht zweier institutioneller Akteure — Burg Beeskow und KulTuS. e.V. — im Vordergrund, durch das ‘gemeinsame Machen’ voneinander zu lernen. Beide Akteure betreiben jeweils bereits unterschiedliche feste Orte: Auf der Burg Beeskow ist das Kultur- und Sportamt des Landkreises selbst beheimatet und zugleich für verschiedene Eigenbetriebe zuständig. Hierzu zählen das Museum Oder-Spree auf der Burg Beeskow selbst, das Museum ‚Utopie und Alltag‘ in Eisenhüttenstadt inkl. seinem Schaudepot auf der Burg, die Musikschulen des Landkreises und das Archiv-, Lese- und Medienzentrum mit seiner mobilen Bibliothek (ALM). KulTuS wiederum betreibt das Familienzentrum Rehfelde, den Südclub in Fürstenwalde, das Begegnungscafé im Thälmanns in Müncheberg und den Treffpunkt in Buckow. Ihre Zusammenarbeit im Projekt Campus Kultur gestaltet sich punktuell und ist dezentral angelegt, d.h. sie gehen Kooperationen mit weiteren Initiativen oder Individuen in der Region ein und bespielen so immer wieder neue temporäre ‚Campusorte‘.
Im Forschungsprojekt LaKuTeZu wurde durch verschiedene Einzel- und Gruppeninterviews und Kartierungsworkshops sichtbar, dass jedes Kulturprojekt individuelle Formen des Netzwerkens und eigene räumliche sowie gesellschaftliche Wirkungsweisen ausbildet. Die Netzwerke sind vielgestaltig, spannen sich zu unterschiedlichen Anteilen lokal, regional und überregional und sind hinsichtlich der fachlichen Ausrichtung der verschiedenen Initiativen differenziert. In einigen lokalen und regionalen Bereichen überschneiden sich die Netzwerke jedoch weitgehend, sodass die Akteure zusammenarbeiten.
Mischwirtschaften: Strategien gegen Prekarität in der Freien Szene
Insbesondere die Akteure der freien Szene in unseren Fallstudien arbeiten in einer Form der „Mischwirtschaft“: Neben der Kulturarbeit in ihren Projekten unterhalten sie weitere berufliche Standbeine oder sind in solidarische Lebenskontexte involviert, um ihre Existenz längerfristig abzusichern. Diese hybriden Arbeits- und Lebensformen sind eine Reaktion auf strukturelle Unsicherheiten. Diese wohnen der Kulturproduktion zwar auch in anderen räumlichen Kontexten inne, allerdings sind die Bedingungen in ländlichen Räumen oft verschärft, weil es dort eine geringere Konzentration von Kulturinstitutionen und freien Projekten gibt und die Kulturwirtschaft insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten bietet. Unter diesen Bedingungen in der zeitgenössischen Kulturproduktion tätig zu sein erfordert eigenständige Organisationsstrukturen und einen bewussten Umgang; nicht nur mit den äußerlich verfügbaren Ressourcen, sondern auch auf individueller Ebene.
Regionalentwicklung als kulturelle „Daseinsfürsorge“
Die kulturellen Formate der von uns untersuchten Kulturprojekte stehen in enger Beziehung zu ihrem jeweiligen Kontext, sei es die Geschichte der Orte, der Region oder die Ideen und Praktiken der dort lebenden Menschen. Den Akteuren geht es häufig um eine Auseinandersetzung mit dem Leben in ihrem ländlichen Kontext in oftmals teilhabeorientierten Formaten – etwa durch die Schaffung (temporärer) Dritter Orte und Begegnungsräume. So entstehen neue Interpretationen über die zeitgenössischen Lebensbedingungen in peripherisierten Regionen und Praktiken einer gemeinwohlorientierten „Daseinsfürsorge“.
Paradoxerweise werden die gemeinwohlorientierten Potenziale der Kulturarbeit politisch nur eingeschränkt anerkannt, da Kultur weiterhin als freiwillige Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge also der Sicherstellung einer grundlegenden Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen gilt. Das Fortbestehen vieler Projekte hängt daher stark vom Engagement Einzelner, von Fördermitteln und damit von der Unterstützung von Entscheidungsträger:innen ab. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung wird die Legitimität und der Wert zeitgenössischer kultureller Arbeit zudem vermehrt in Frage gestellt, wodurch die Akteure gezwungen sind, den gesellschaftlichen Mehrwert ihrer Arbeit immer wieder neu zu begründen.
Kontinuität und Raumbezug sind Gelingensbedingungen für erfolgreiche kulturelle Arbeit
Kontinuität und lokaler Bezug bzw. Verankerung sind weitere wichtige Voraussetzungen für gelingende zeitgenössische Kulturarbeit in ländlichen Räumen: beständige Partnerschaften, verlässliche wiederkehrende Formate und langfristige Prozesse erzielen eine wesentlich größere Wirkung als kurzfristige Innovationsimpulse. Die gängige, projektbasierte Förderlogik erschwert jedoch die Etablierung solcher nachhaltiger Strukturen. Kulturelle Arbeit in ländlichen Räumen braucht Zeit, um Vertrauen, Akzeptanz und Wirksamkeit zu entfalten. Sei es über die Aufgaben, die ein Ort über seine Historie bereithält oder über die künstlerisch-kulturelle Perspektivumkehr auf gelebte lokale Traditionen oder Praktiken – der Bezug zum sozialen und räumlichen Kontext bietet den Kulturakteuren Möglichkeiten, Brücken zu einem weniger kulturaffinen Publikum zu bauen. Kulturprojekte in ländlichen Räumen gelingen besser, wenn sie vielfältige Bezüge zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteursgruppen über eine längere Zeit bieten.
Zur Methodik: Forschung als dialogische und reflexive Praxis (Methode)
Die im Forschungsprozess entwickelten Kartierungs- und Workshop-Methoden unterstützen Reflexionsprozesse lokaler Akteure in den ausgewählten Fallstudien. Durch eine Kombination aus der Innenperspektive der Kulturakteure und der Außenperspektive anderer regionaler Akteure entstand ein tiefes Verständnis der kulturellen Wirkungszusammenhänge. Diese dialogische Forschungspraxis hat Vertrauen geschaffen, den Wissenstransfer gestärkt und den beteiligten Akteuren ermöglicht, ihre eigene Position im regionalen Kontext klarer zu definieren. Das Ziel ist es, die Methode perspektivisch als Werkzeug der Selbstermächtigung zu etablieren, mit dem Kulturakteure ihre gesellschaftliche Rolle reflektieren, ihre Argumentationsfähigkeit gegenüber Entscheidungsträger:innen stärken und langfristige Entwicklungsstrategien erarbeiten können.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes dienten auch als Vorlage für die Ausarbeitung eines Kartenspiels. Dieses „Quartett der Landkulturen“ ist (demnächst) erhältlich.


Glossar der Gelingensbedingungen

Netzwerkkartierung Campus Kultur

Netzwerkkartierung DoK15518

Podcast
»Einfach machen« Ermöglichungskulturfestival mit Fachtagung

Working Paper Null
Konzeptionelle Rahmung und wissenschaftliche Bezüge des Projekts

Working Paper 1
Typologien kultureller Akteursnetzwerke in ländlichen Räumen

Working Paper 2
Wirkung und Wahrnehmung der zwei kulturellen Akteursnetzwerke in Ostbrandenburg

Working Paper 3
Reflektierte Dokumentation der Gesprächsrunden im Oderbruch Museum zu den sich wandelnden Bedingungen von Kulturarbeit in (Ost-)Brandenburg seit der Wende

Working Paper 4
Reflektierte Dokumentation der Zukunftswerkstattprozesse mit den beiden Fallstudien Campus Kultur und DoK15518
LaKuTeZu
c/o B-TU Brandenburgische Technische
Universität Cottbus–Senftenberg
Konrad-Wachsmann-Allee 4
03046 Cottbus
Lehrgebäude 2B, R 1.16
Tel. 0355 69 2078
Fax. 0355 69 3046
lakutezu@b-tu.de





Landkulturen:
Teilhabe—Zukunft
Im Projekt LANDKULTUREN: Teilhabe - Zukunft (LaKuTeZu) werden die vielfältigen Strukturen, Gelingensbedingungen und Wirkungen von Akteursnetzwerken der zeitgenössischen Kunst- und Kulturproduktion in peripheren ländlichen Räumen erforscht. Die Arbeitshypothese dieser Studie ist, dass kreative, künstlerische und kulturelle Akteure unter bestimmten Bedingungen progressive Agent*innen für gesellschaftliche Teilhabe und Transformation sein können, da sie über ausgeprägte Kompetenzen verfügen, die Potenziale ihrer Umgebung zu mobilisieren und somit regionalen Herausforderungen innovativ zu begegnen. Aus diesem Grund haben kulturelle Netzwerke eine besondere Bedeutung für die ländliche Entwicklung. Die Relevanz dieser oft hybriden Akteurscluster für eine zukunftsgerechte Raumproduktion wurde bisher jedoch nicht ausreichend beleuchtet.
Das Leitziel des Projekts ist die Schließung dieser Lücke durch die kollaborative Erarbeitung und Erprobung von erfolgversprechenden Pfaden zur Integration diverser kultureller Praktiken in die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. Konkret werden entlang des Forschungsprozesses aus sechs Arbeitsmodulen im transdisziplinären Dialog mit Kulturproduzent*innen Ansätze und Modelle zur Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe für die zukunftsfähiger Mitgestaltung von ländlichen Räumen geschaffen.

Begehung bei landkunstleben e.V in Steinhöfe
Drei Teilziele strukturieren diese Forschungsarbeit:
Zur Erreichung der Ziele wird in LaKuTeZu ein radikal partizipatives Forschungsdesign angewendet, welches die regionalen Akteure über vielfältige Formate besonders in den Fokus nimmt. Den Kern der Methodologie bilden kollaborative Workshops, bei denen die diversen Strukturen und Wirkungsweisen, besonders in Hinblick auf ihre intersektoralen und interkommunalen Verästelungen beschrieben werden. Über die inter- und transdisziplinäre Reflexion der Akteurslandschaft werden skizzenhafte Konzepte für Erfolgsmodelle zur nachhaltigen Ermöglichung der zeitgenössischen Kulturproduktion in peripheren ländlichen Gebieten abgeleitet, die im erweiterten Untersuchungsraum ausdifferenziert, zur Diskussion gestellt und detailliert werden. Final findet die Rückbindung der Erkenntnisse in die kommunale (Verwaltungs-)Praxis des Landkreis Oder-Spree statt.

Baustelle für die neue Kulturscheune von landkunstleben
Ausgangspunkt der empirischen Untersuchung sind 2 zentrale Fallstudien im Landkreis Oder-Spree:
Fallstudie 1: Campus Kultur
Drei Jahre lang will sich das Kultur-, Bildungs- und Ausstellungszentrum Burg Beeskow im Rahmen des Projektes „Campus Kultur“ weiter in den ländlichen Raum hinein öffnen. Geplant ist – angelehnt an die Themen des museums oder-spree –, zweimal jährlich an wechselnden Orten einen temporären Campus einzurichten, auf dem sich Künstler*innen und Kulturakteure mit diesen Themen ebenso auseinandersetzen wie mit aktuellen Fragestellungen, denen sie dort begegnen. Begleitung und Unterstützung erhalten sie dabei von ortsansässigen Vereinen und Initiativen. Kleinere und größere Veranstaltungen, die aus dem Campus heraus entwickelt werden, sollen außerdem dazu beitragen, ihn im jeweiligen Dorf zu verankern.
Fallstudie 2: DoK15518
DoK steht für Dorf-Kunst und 15518 ist die Postleitzahl dieser Region. DoK15518 ist die Entstehung eines soziokulturell nachhaltigen Kulturknotenpunkts im ländlichen Raum durch die Verknüpfung dreier Kollaborationspartner*innen.
Beide Projekte sind Teil des Brandenburgischen Förderprogramms Regionale Kulturelle Ankerpunkte im ländlichen Raum. Die regionalen kulturellen Ankerpunkte sollen aus den Regionen heraus entwickelt und von dort getragen werden. Ankerpunkte sollen über das klassische Verständnis von Kultureinrichtungen hinausgehen und insbesondere ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Akteure in die Angebote einbinden. Landesweit werden acht sehr unterschiedliche Projekte über drei Jahre finanziell unterstützt, und somit die Relevanz von Kultur für die ländliche Entwicklung unterstrichen.
Bearbeitet wir das das Forschungsprojekt vom Fachgebiet Stadtplanung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – Senftenberg. Die Forschung des Fachgebiet Stadtplanung wendet interdisziplinäre Ansätze an und arbeitet gerne mit außeruniversitären Partnern, um entscheidende Fragen von sozial-räumlichen Transformationsprozessen zu verstehen und darauf zu reagieren. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen von Akteuren und Netzwerken wollen wir die Aufmerksamkeit auf alternative Wissenssysteme lenken, die dominante Planungsdiskurse und wissenschaftliche Ansichten in Frage stellen, und gleichzeitig ein tieferes Verständnis der Prozesse der Selbstorganisation und Zusammenarbeit fördern, die unsere Welt ebenfalls ausmachen. Wir betrachten Planung als politisch und unterstützen Forschungsagenden, die dekolonial, feministisch und transformativ sind.
Für die erfolgreiche Durchführung einer multiperspektivischen Untersuchung wurde ein inter- und transdisziplinäres Netzwerk gegründet. Es besteht aus den Co-Forschenden Büro für Landschaftskommunikation, Netzwerk Neue Auftraggeber und studio amore. Mit ihren unterschiedlichen Expertisen an der Schrittstelle von Raum- und Kulturwissenschaften unterstützen sie das Team des Fachgebiet Stadtplanung entlang der sechs Arbeitsmodule.

Begehung bei landkunstleben e.V in Steinhöfe
Hinzu kommen die regionalen Projektpartner*innen Kultur und Sportamt LOS Burg Beeskow, LEADER Aktionsgruppen Märkische Seen und Oderland, mit ausgeprägten Fachkenntnissen zu Prozessen der regionalen Praxis der kommunalen Verwaltung und der nachhaltigen Projektentwicklung.
Halbjährlich treffen sich die Forschenden zur kritischen Reflexion der (Zwischen-)Erkenntnisse mit dem wissenschaftlichen Projektbeirat: Ariane Sept, Ludger Gailing, Christine Wingert. Die Critical Friends erweitern den analytischen Horizont der Untersuchung und helfen dem Projektteam dabei die Komplexität der Prozesse zeitgenössischer Kulturproduktion in peripheren ländlichen Räumen aus möglichst vielen Blickwinkeln zu analysieren.
Neben dem Landkreis Oder-Spree nimmt LaKuTeZu auch Akteursnetzwerke in anderen ländlichen Transformationsräumen im Osten Deutschlands in den Blick, wodurch die Untersuchungsergebnisse von allgemeiner Relevanz für eine Vielzahl von Akteuren ist. Bei der Vermittlung und Auswahl signifikanter Fallstudien wird das Forschungsteam durch überregional vernetzte Multiplikator*innen beraten: Netzwerk Zukunftsorte, Zukunftswerkstatt Schwarzatal.
LaKuTeZu zeigt, dass die Entwicklung von Netzwerken mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteursgruppen eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen kultureller Arbeit in ländlichen Räumen ist. Die Erkenntnisse der Studie basieren auf der Analyse von zwei kontrastierenden Fallstudien in Ostbrandenburg, die beide über eine mehrjährige Förderung als Kulturelle Ankerpunkte des Landes Brandenburg ihre Angebote ausbauen:
Als DoK 15518 entwickeln drei Kulturinitiativen der freien Szene eine enge und räumlich konzentrierte Zusammenarbeit, in der unterschiedliche Ressourcen von Raum und Equipment bis Erfahrung und Wissen geteilt werden. LandKunstLeben e.V. (LKL) ist ein seit mehr als 25 Jahren in Steinhöfel ansässiger Kulturverein, der lange u.a. ein größeres künstlerisches Gartenprojekt betrieben hat. Das Haus des Wandels e.V. (HDW) und Zusammen in Neuendorf im S.A.N.D.E. e.V. (ZuSaNe) sind selbstorganisierte Hausprojekte der jüngeren Generation, die seit 2018/19 leerstehende größere Gebäudekomplexe als Wohn-, Arbeits- und Begegnungsorte wiederbeleben. Gemeinsam entwickeln sie als DoK 15518 an allen drei Orten kulturelle Formate, wie Ausstellungen, Künstler*innenresidenzen, Performances und Feste.
Bei Campus Kultur stand die Absicht zweier institutioneller Akteure — Burg Beeskow und KulTuS. e.V. — im Vordergrund, durch das ‘gemeinsame Machen’ voneinander zu lernen. Beide Akteure betreiben jeweils bereits unterschiedliche feste Orte: Auf der Burg Beeskow ist das Kultur- und Sportamt des Landkreises selbst beheimatet und zugleich für verschiedene Eigenbetriebe zuständig. Hierzu zählen das Museum Oder-Spree auf der Burg Beeskow selbst, das Museum ‚Utopie und Alltag‘ in Eisenhüttenstadt inkl. seinem Schaudepot auf der Burg, die Musikschulen des Landkreises und das Archiv-, Lese- und Medienzentrum mit seiner mobilen Bibliothek (ALM). KulTuS wiederum betreibt das Familienzentrum Rehfelde, den Südclub in Fürstenwalde, das Begegnungscafé im Thälmanns in Müncheberg und den Treffpunkt in Buckow. Ihre Zusammenarbeit im Projekt Campus Kultur gestaltet sich punktuell und ist dezentral angelegt, d.h. sie gehen Kooperationen mit weiteren Initiativen oder Individuen in der Region ein und bespielen so immer wieder neue temporäre ‚Campusorte‘.
Im Forschungsprojekt LaKuTeZu wurde durch verschiedene Einzel- und Gruppeninterviews und Kartierungsworkshops sichtbar, dass jedes Kulturprojekt individuelle Formen des Netzwerkens und eigene räumliche sowie gesellschaftliche Wirkungsweisen ausbildet. Die Netzwerke sind vielgestaltig, spannen sich zu unterschiedlichen Anteilen lokal, regional und überregional und sind hinsichtlich der fachlichen Ausrichtung der verschiedenen Initiativen differenziert. In einigen lokalen und regionalen Bereichen überschneiden sich die Netzwerke jedoch weitgehend, sodass die Akteure zusammenarbeiten.
Mischwirtschaften: Strategien gegen Prekarität in der Freien Szene
Insbesondere die Akteure der freien Szene in unseren Fallstudien arbeiten in einer Form der „Mischwirtschaft“: Neben der Kulturarbeit in ihren Projekten unterhalten sie weitere berufliche Standbeine oder sind in solidarische Lebenskontexte involviert, um ihre Existenz längerfristig abzusichern. Diese hybriden Arbeits- und Lebensformen sind eine Reaktion auf strukturelle Unsicherheiten. Diese wohnen der Kulturproduktion zwar auch in anderen räumlichen Kontexten inne, allerdings sind die Bedingungen in ländlichen Räumen oft verschärft, weil es dort eine geringere Konzentration von Kulturinstitutionen und freien Projekten gibt und die Kulturwirtschaft insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten bietet. Unter diesen Bedingungen in der zeitgenössischen Kulturproduktion tätig zu sein erfordert eigenständige Organisationsstrukturen und einen bewussten Umgang; nicht nur mit den äußerlich verfügbaren Ressourcen, sondern auch auf individueller Ebene.
Regionalentwicklung als kulturelle „Daseinsfürsorge“
Die kulturellen Formate der von uns untersuchten Kulturprojekte stehen in enger Beziehung zu ihrem jeweiligen Kontext, sei es die Geschichte der Orte, der Region oder die Ideen und Praktiken der dort lebenden Menschen. Den Akteuren geht es häufig um eine Auseinandersetzung mit dem Leben in ihrem ländlichen Kontext in oftmals teilhabeorientierten Formaten – etwa durch die Schaffung (temporärer) Dritter Orte und Begegnungsräume. So entstehen neue Interpretationen über die zeitgenössischen Lebensbedingungen in peripherisierten Regionen und Praktiken einer gemeinwohlorientierten „Daseinsfürsorge“.
Paradoxerweise werden die gemeinwohlorientierten Potenziale der Kulturarbeit politisch nur eingeschränkt anerkannt, da Kultur weiterhin als freiwillige Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge also der Sicherstellung einer grundlegenden Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen gilt. Das Fortbestehen vieler Projekte hängt daher stark vom Engagement Einzelner, von Fördermitteln und damit von der Unterstützung von Entscheidungsträger:innen ab. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung wird die Legitimität und der Wert zeitgenössischer kultureller Arbeit zudem vermehrt in Frage gestellt, wodurch die Akteure gezwungen sind, den gesellschaftlichen Mehrwert ihrer Arbeit immer wieder neu zu begründen.
Kontinuität und Raumbezug sind Gelingensbedingungen für erfolgreiche kulturelle Arbeit
Kontinuität und lokaler Bezug bzw. Verankerung sind weitere wichtige Voraussetzungen für gelingende zeitgenössische Kulturarbeit in ländlichen Räumen: beständige Partnerschaften, verlässliche wiederkehrende Formate und langfristige Prozesse erzielen eine wesentlich größere Wirkung als kurzfristige Innovationsimpulse. Die gängige, projektbasierte Förderlogik erschwert jedoch die Etablierung solcher nachhaltiger Strukturen. Kulturelle Arbeit in ländlichen Räumen braucht Zeit, um Vertrauen, Akzeptanz und Wirksamkeit zu entfalten. Sei es über die Aufgaben, die ein Ort über seine Historie bereithält oder über die künstlerisch-kulturelle Perspektivumkehr auf gelebte lokale Traditionen oder Praktiken – der Bezug zum sozialen und räumlichen Kontext bietet den Kulturakteuren Möglichkeiten, Brücken zu einem weniger kulturaffinen Publikum zu bauen. Kulturprojekte in ländlichen Räumen gelingen besser, wenn sie vielfältige Bezüge zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteursgruppen über eine längere Zeit bieten.
Zur Methodik: Forschung als dialogische und reflexive Praxis (Methode)
Die im Forschungsprozess entwickelten Kartierungs- und Workshop-Methoden unterstützen Reflexionsprozesse lokaler Akteure in den ausgewählten Fallstudien. Durch eine Kombination aus der Innenperspektive der Kulturakteure und der Außenperspektive anderer regionaler Akteure entstand ein tiefes Verständnis der kulturellen Wirkungszusammenhänge. Diese dialogische Forschungspraxis hat Vertrauen geschaffen, den Wissenstransfer gestärkt und den beteiligten Akteuren ermöglicht, ihre eigene Position im regionalen Kontext klarer zu definieren. Das Ziel ist es, die Methode perspektivisch als Werkzeug der Selbstermächtigung zu etablieren, mit dem Kulturakteure ihre gesellschaftliche Rolle reflektieren, ihre Argumentationsfähigkeit gegenüber Entscheidungsträger:innen stärken und langfristige Entwicklungsstrategien erarbeiten können.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes dienten auch als Vorlage für die Ausarbeitung eines Kartenspiels. Dieses „Quartett der Landkulturen“ ist (demnächst) erhältlich.


Glossar der Gelingensbedingungen

Netzwerkkartierung Campus Kultur

Netzwerkkartierung DoK15518

Podcast
»Einfach machen« Ermöglichungskulturfestival mit Fachtagung

Working Paper Null
Konzeptionelle Rahmung und wissenschaftliche Bezüge des Projekts

Working Paper 1
Typologien kultureller Akteursnetzwerke in ländlichen Räumen

Working Paper 2
Wirkung und Wahrnehmung der zwei kulturellen Akteursnetzwerke in Ostbrandenburg

Working Paper 3
Reflektierte Dokumentation der Gesprächsrunden im Oderbruch Museum zu den sich wandelnden Bedingungen von Kulturarbeit in (Ost-)Brandenburg seit der Wende

Working Paper 4
Reflektierte Dokumentation der Zukunftswerkstattprozesse mit den beiden Fallstudien Campus Kultur und DoK15518
LaKuTeZu
c/o B-TU Brandenburgische Technische
Universität Cottbus–Senftenberg
Konrad-Wachsmann-Allee 4
03046 Cottbus
Lehrgebäude 2B, R 1.16
Tel. 0355 69 2078
Fax. 0355 69 3046
lakutezu@b-tu.de


